Landesweit stehen absehbar Tausende Unternehmen zur Übergabe an. Zwei Drittel davon haben laut einer Studie noch keinen Nachfolgeplan entwickelt. Warum frühzeitige Planung so wichtig ist und was dabei entscheidend helfen kann.
Das große Ganze: Darum geht es bei einer Unternehmensnachfolge. Und deshalb nimmt Kevin Gläser, Leiter Existenzgründung und Unternehmensförderung bei der IHK Trier, diesen Punkt auch gleich am Anfang in den Blick.
„Viele Unternehmerinnen und Unternehmer neigen dazu, das Thema Nachfolge aufzuschieben. Sie haben sich ein Lebenswerk aufgebaut, sind emotional stark damit verbunden. Sie haben über viele Jahre alles geleitet. Da liegt es doch nahe, nun auch die Phase des Übergangs aktiv zu gestalten. Damit das Lebenswerk eben fortgeführt wird im eigenen Sinn. Damit auch die Mitarbeitenden weiterhin eine Perspektive haben. Doch davor scheuen sich leider viele, weil ihnen der Gedanke erst einmal unangenehm ist.“
Zeitdruck vermeiden, Flexibilität wahren
Ein Nachfolgeprozess läuft meist über einige Jahre. „Wer sich frühzeitig damit beschäftigt, hat noch keinen Zeitdruck. Meist räumen sich Unternehmen diese Zeit aber nicht ein, sondern reagieren erst bei äußerem Druck wie etwa Krankheit oder fortgeschrittenem Alter. Flexibilität und Freiraum sind dann nicht mehr gegeben“, stellt Kevin Gläser fest.
Die Aufgabe der IHK: Die Unternehmerschaft für das Thema sensibilisieren. Anklopfen, Hilfestellung geben, Lotse sein. „Es geht nicht darum, bis in Details alles zu regeln. Sondern die Chefinnen und Chefs gedanklich dahin zu bringen, das Ganze überhaupt anzugehen.“
Beratung nach individuellem Bedarf
Ab einem Alter von 55 Jahren kontaktiert die IHK Selbstständige proaktiv und individuell mit dem Angebot, sich unverbindlich dazu auszutauschen. Bei Interesse kommt es zu Beratungsgesprächen vor Ort im Unternehmen, in der IHK, telefonisch oder online.
Beim Thema Nachfolge kommt der erste Impuls oft auch aus der Familie: Mitunter signalisieren Kinder, sich eine eigene Selbstständigkeit vorstellen zu können. Dabei kommen auch Familienmitglieder in Frage, die zunächst in anderen Betrieben oder sogar Branchen arbeiten.
Mögliche Kandidaten ins Auge fassen
Auch außerhalb der eigenen Familie empfiehlt es sich, mögliche Kandidatinnen und Kandidaten im eigenen Haus ins Auge zu fassen. „Wer hat fachlich und von der Persönlichkeit her das Potenzial, den Betrieb fortzuführen? Der Fortbestand liegt eben auch im Interesse der Belegschaft“, sagt Gläser.
„Unternehmerinnen und Unternehmer können etwa führenden Mitarbeitenden so signalisieren, dass Überlegungen und Gespräche laufen, um die Firma und die Arbeitsplätze langfristig zu sichern. So können sie das Risiko vermeiden, dass Personal mangels tragfähiger Perspektive abwandert.“
Ein möglicher Weg ist, Nachfolgekandidaten zunächst über eine Erfolgsbeteiligung oder den Erwerb von Geschäftsanteilen einzubinden, die später aufgestockt werden.
Vorteil: Der Inhaber ist noch einige Zeit mit im Unternehmen, lernt seinen Nachfolger an, begleitet ihn in der neuen Rolle. Erst später folgt dann der Rückzug. Das bringt dem Übernehmenden die Sicherheit, nicht alles komplett auf einen Schlag allein stemmen zu müssen.
Um in diese Rolle hineinzuwachsen, können beide Seiten zum Beispiel Abwesenheiten des bisherigen Inhabers simulieren. Welche Entscheidungen stehen an? Wie lassen sich Lösungen finden? Solche Testläufe bringen den Nachfolger weiter auf dem Weg, ein Unternehmen selbständig und eigenverantwortlich zu lenken, geben Sicherheit und schaffen Vertrauen.
„Wichtig für Übergebende ist allerdings auch, irgendwann tatsächlich loslassen zu können“, ergänzt Kevin Gläser.
Verkaufsanzeigen in Unternehmensbörse
Neben familien- oder betriebsinternen Nachfolgeregelungen gibt es auch Übernahmen durch andere Betriebe. Etwa Lieferanten oder Mitbewerber, zu denen ein gutes Verhältnis besteht. Kontakte über Netzwerke können ebenfalls wertvolle Dienste leisten.
Andersherum stellen sich Unternehmen die Frage: Welche Firma könnten wir kaufen, um unser Portfolio z.B. in bestimmten Produktsparten zu ergänzen oder in anderen Regionen Fuß zu fassen? Beide Seiten finden Anregungen in der Unternehmensbörse nexxt-change. Die IHK Trier ist Regionalpartner dieser bundesweiten Plattform zur Nachfolge mit anonymisierten Verkaufsanzeigen.
Auf Augenhöhe miteinander umgehen
So gibt es viele Varianten, wie Nachfolger in Verantwortung kommen. Gemeinsam ist allen Fällen der Wunsch, möglichst reibungslos ans Ziel zu kommen. Daher ist eine gute Abstimmung zwischen allen Beteiligten so wichtig. „Die Chemie sollte stimmen“, betont Gläser.
Übergebende haben oft konkrete Vorstellungen, wie es ablaufen und mit dem Unternehmen weitergehen soll. Und Übernehmende haben ihre eigenen Ideen und möchte diese gern umsetzen. Daher ist es wichtig, über solche Themen offen und detailliert zu sprechen. Auf Augenhöhe miteinander umzugehen. Ideen des anderen akzeptieren und zu respektieren.
Wer sich mit Nachfolge beschäftigen will, muss diesen Weg nicht allein gehen, wie die IHK als Lotsenstelle deutlich macht.
Rechtsanwälte, Unternehmensberater, Steuerberater und Bankberater haben immer wieder mit verschiedenen Nachfolgesituationen zu tun und geben ihre Kompetenz und Erfahrung weiter. Notare beurkunden den Vertragsakt.
Beratungsoffensive für Hotels und Gaststätten
Die IHK Trier startet in diesem Jahr eine branchenspezifische Nachfolgeberatungsoffensive für den Hotel- und Gaststättenbereich. Viele touristische Betriebe in der Region stehen vor einem Generationenwechsel – oft nach Jahrzehnten erfolgreichen Bestehens. Die Erfahrung zeigt aber: Unternehmensnachfolgen in dieser Branche bringen oft Hürden mit sich und erfordern nicht nur unternehmerische Weitsicht, sondern auch ein gutes Verständnis für rechtliche und emotionale Herausforderungen.
Ziel der Offensive ist es, insbesondere inhabergeführte Hotels und Gaststätten frühzeitig zu sensibilisieren, Handlungsoptionen aufzuzeigen und sie bei der strukturierten Planung ihrer Nachfolge zu unterstützen.
Zusätzlich führt die IHK Trier im Jahresverlauf erstmals einen Nachfolgeparcours ein. Detaillierte Infos dazu folgen rechtzeitig.
Angebote der IHK Trier
• Notfallhandbuch (Vorlagen/Formulare)
• Praxishandbuch für Nachfolge: Leitfaden mit steuerlichen und rechtlichen Grundlagen
• Merkblätter und Checklisten
• Beratersprechtage vor Ort und online
• Nachfolgeseminare
• Infoabende für Existenzgründer
• weiterbildung.ihk-trier.de
• Unternehmenswerkstatt: ermöglicht auf Basis eigener Angaben eine Schätzung des Unternehmenswerts, bietet Erklärvideos und Infos
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